last chance: Ai Wei Wei im Gropius-Bau

Ai wei Wei Bezirzt

„Stools“ von Ai Wei Wei im Martin-Gropius-Bau. Bild. Schattauer/Bezirzt

Dicke Regentropfen, die wie mit einem Seufzen von Fensterscheiben perlen, Dämmerlicht von Leselampen und Teestimmung – von Sommer kann in Berlin gerade nun wirklich keine Rede sein. Wer nun ausgiebig gefaulenzt und Trübsal geblasen hat, sollte dem Sofa kurzzeitig „Adieu!“ sagen, damit die gefühlte Herbstdepression gleich im Vorhinein von der Bett- bzw. Sofakante gestoßen wird.
Wer es sich schon längst vorgenommen hatte, aber in den letzten Wochen lieber die ersten heißen Sommersonnenstrahlen genossen hat, oder einfach keine Lust auf lange Warteschlangen hatte, sollte jetzt die Gunst der Regenstunden nutzen, um sich endlich die Ai Wei Wei-Ausstellung anzuschauen. Ist ja schließlich irgendwie ein Muss. Die Ausstellung „Evidence“ des momentan populärsten Politkünstlers wurde übrigens bis zum 13. Juli verlängert.

Der gesteckte Rahmen mag bekannt sein: Ai Wei Wei ist chinesischer Regimekritiker und weltbekannter Protestkünstler. Seine Auseinandersetzungen mit der chinesischen Regierung gipfelten im April 2011 in der Verhaftung des Künstlers. Ganze 81 Tage wurde der Ai Wei Wei an einem unbekannten Ort festgehalten. Grund dafür: ein fadenscheiniges Steuerdelikt. Bis heute steht der Künstler unter ständiger Überwachung und darf das Land nicht verlassen.

Der Großteil der Werke, die in 18 Räumen auf rund 3000qm ausgestellt werden, beschäftigen sich mit der Zeit der Inhaftierung. Eindrücklich ist die originalgetreue Nachbildung der Zelle, die beim Durchschreiten des Raumes augenblicklich Unbehagen auslöst. Insbesondere dann, wenn man bemerkt, dass jeder noch so kleine Winkel kameraüberwacht und für die Besucher außerhalb des Raumes sichtbar übertragen wird.
Auch die an die Wände tapezierten Schuldscheine, mit denen Ai die von der Regierung geforderten Steuernachzahlungen mithilfe unzähliger solidarischer Internet-User begleichen konnte, und die in Jade gefertigten Handschellen, thematisieren die Inhaftierung. Ai Wei Wei ist dabei das Gesicht, Personalisierung oder gar die Ikone der Regiemkritik.
Doch während ich zum dreizehnten Mal im Infotext „während seiner 81-tägigen Haft“ lese verliere ich zugegebenermaßen die Lust. Wo jedes einzelne Exponat ein, dem Ausstellungtitel entprechend, Beweisstück ist, führt die Masse zu Überdruss. Irgendwann ist man auch von der wichtigsten Botschaft gesättigt.

Wer sich mit Ai Wei Wei beschäftigt hat, weiß, was ihn in der Ausstellung sonst noch erwartet: lackierte Vasen, Fotos mit dem netten Stinkefinger aus der „FUCK OFF“-Serie und eine monumentale Installation. In diesem Fall 6000 Holzschemel aus der Ming- und Qing-Dynastie.
Die Message ist stets klar, plakativ und wenig unterschwellig, aber das ist okay, so schreien alle Werke für sich ganz vehement gegen die Korruption und Missstände innerhalb der chinesischen Regierung an.

!noch bis zum 13. Juli 2014!

Evidence Ai Weiwei im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 20 Uhr
Eintritt: 11 Euro, ermäßigt 8 Euro/ Eintritt frei bis 16 Jahre

Bezirzt

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Flusskrabben aus Porzellan und Schuldscheintapete. Foto: Schattauer/Bezirzt

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Veröffentlicht in Kunst

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