Kirke bei den Präraffaeliten II

Die Idee der englischen präraffaelitische Bruderschaft, die wir im letzten Teil kennenlernten, wurde von einer zweiten Generation weitergeführt, der sogenannten Pre-Raphaelite-Movement. Diese Künstler zeigen die Frau nicht mehr als schwaches Wesen, sondern nutzten Kirke, um die fatale Seite der Frau zu thematisieren.

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Edward Burnes-Jones The Wine of Circe, zwischen 1863–1869.

Edward Burnes-Jones schildert Kirkes verhängnisvolles Wesen in The Wine of Circe. Das Bild entstand zwischen 1863 und 1869 und zeigt Kirke, welche im Zentrum des Bildes vor der gedeckten Tafel steht. Sie beugt sich tief über das Gefäß und lässt mit ernster Miene einige Tropfen Gift in den Krug fallen. Zu ihren Füßen, im Vordergrund, befinden sich zwei Wildkatzen, die sich der Zauberin zuwenden. Im Hintergrund sieht man bereits die Schiffe von Odysseus heranfahren. Die schwarzen Raubkatzen auf ihrer linken Seite werden als den Hexen nahestehende Wesen gedeutet und stellen zugleich Symboltiere für das Weibliche dar. Auch die Schlange, die sich um die Vase auf der rechten Seite schlängelt, deutet auf Gefahr, aber auch auf die zauberkundige Frau hin. Kirke wirkt ernst, überlegt und berechnend. Ihr Gesicht verrät kein Mitgefühl, sondern ist zu einer ernsten Miene erstarrt.

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John William Waterhouse: Circe Offering the Cup to Ulysses, 1891.

John William Waterhouse widmete Kirke gleich mehrere Arbeiten. Das Gemälde Circe Offering the Cup to Ulysses von 1891 zeigt Kirke auf einem Thron sitzend in einem palastartigen Innenraum. Es ist das Bildnis einer jungen, schönen Frau mit einladender Gebärde. Kirke hat ihre Arme erhoben, in ihrer rechten Hand hält sie eine Schale, in der linken einen peitschenähnlichen Stab. Sie ist mit einem durchsichtigen Gewand bekleidet, die Brust ist halb entblößt. Ihre Lippen, welche leicht geöffnet sind, sind in einem feurigen Rot gefärbt. Im Spiegel, der hinter ihr angebracht ist, erkennt man Odysseus, der sich mit einem roten Gewand bekleidet, ehrfurchtsvoll vor ihr verneigt.

„Sie strahlt neben Schönheit, Unverwundbarkeit, Macht und verführerischer Einladung so viel jugendliche Frische, Offenheit, Körperbeherrschung und Stolz aus, daß
[sic!] die Gestalt nicht einer Femme fatale in unheildräuender und schwüler Pose zu gleichen scheint, sondern einer amazonenhaften, willensstarken, freiheitsliebenden
Göttin.“

Krug, Hildegard: Führung oder Verführung durch Schönheit? Frauenporträts in viktorianischer Lyrik und praraphaelitischer Malerei vor dem Hintergrund konservativer und emanzipatorischer Schriften zur Frauenfrage. München 2005. S. 236

 

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Wright Barker: Circe, 1900.

Auch der in Bradford geborene Wright Barker (1864–1941)119 widmete sich der verführerischen Zauberin und Inselherrin. Der Maler, der regelmäßig bei der Royal Academy ausstellte, malte im Jahr 1900 ein Gemälde mit dem Titel Circe. Die Zauberin steht im Eingang eines antiken Tempels. Löwen und Füchse befinden sich ebenfalls auf den Stufen des Tempels. Sie steht mit nackten Brüsten auf einem Tigerfell auf den Stufen zu ihrem Palast. Sie trägt einen langen weißen Rock und Tücher um die Hüften. Ein transparenter, leichter Schal, der um ihren Arm geworfen ist, weht an ihrem Rücken empor und erinnert an eine Art Flügel. Mit einer einladenden Geste, ihrer erhoben rechten Hand, heißt sie ihre Gäste willkommen. Ihre Schönheit sowie ihr verruchtes und herrisches Auftreten zeugen von Verführung und Erotik. Details wie die roten Blüten verstärken die verführerische Stimmung und deuten mit ihrer satten roten Farbe auf Gefahr hin.

Den Präraffaeliten wurde wegen der Rückbesinnung auf mythologische oder mittelalterliche Themen ein Eskapismus aus der modernen Welt vorgeworfen. Der rückwärtsgewandte Blick, die künstliche, ideale Gegenwelt der Maler galten bei Zeitgenossen, und gelten auch noch in der heutigen Rezeption, als nostalgisch und als Flucht aus der realen Welt. Otto Gerhard Oexle merkt an, dass die mythologischen und historischen Themen immer dort auftreten, wo eine Mittelbarkeit als nötig empfunden wurde. Der Bereich der Sexualität ist ein solches Thema. Bildthemen wurden seiner Meinung nach also nicht schlicht nostalgisch, sondern in Bezug auf moderne gesellschaftliche Probleme angewendet. Mit der Figur der Kirke konnten die Künstler unter dem Deckmantel der Mythologie ihre Ängste thematisieren und auf Missstände in der Gesellschaft bezüglich Sexualität und Rollenverteilung hinweisen.

Hier gehts zu den anderen Beiträgen rund um Kirke:

Präraffaeliten I

Kirke in der Kunst

Kirke in der Mythologie

Einstieg

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Veröffentlicht in Kunst

4 Kommentare zu “Kirke bei den Präraffaeliten II

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