Kirke in der Kunst – Frauenbild bei den Präraffaeliten

Weiter gehts bei unserem Ausflug in die Geschichte der Kirke. Ich komme mir übrigens ein bisschen vor wie Alberto Knox aus „Sofies Welt“. In kleinen Häppchen führe ich euch durch die Epochen, bis wir da ankommen, wo ich euch hinbringen will.

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Sir John Everett Millais, Ophelia, 1851-52

Meine Magisterarbeit hat sich nicht nur mit der Figur „Kirke“ beschäftigt sondern auch mit dem Frauenbild, welches sie verkörpert. Zu einem bestimmten Frauenbild gehört einen gegensätzliches Bild, von dem es sich abgrenzt. Und dieses schauen wir uns als erstes einmal näher an.

Um diesen Frauentypus in der Kunst näher zu kommen, eignet sich eine Künstlergruppe aus Großbritannien besonders: The Pre-Raphaelite Brotherhood, die „Präraffaeliten“. Gegründet wurde sie 1848 in der Regierungszeit von Königin Victoria, also im viktorianischen Zeitalter, von Malern, Bildhauern und Kunstkritikern. Die englischen Maler orientierten sich am Stil der italienischen Kunst vor Raffael. Sie kehrten stilistisch zu der Einfachheit der mittelalterlichen Kunst zurück, die  als unverdorben und natürlich eingeschätzt wurde.

Typisch für die englischen Präraffaeliten  ist die Darstellung eines speziellen Frauentypes und die Idealisierung bestimmter Frauen aus dem Umkreis der Maler. Wallendes, oft rotes Haar, die schmale Statur und die Körperhaltung der Frauen, kommen bei verschieden Künstlern der Bruderschaft immer wieder vor.

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Lady Lilith von Rossetti: Wallendes Haare, blasse Schönheit

Auch bei Rossetti, einem der bekanntesten Künstler der Gruppe, kehrt der gleiche Frauentypus immer wieder. Vorbilder für seine Frauenfiguren findet er in altitalienischen und altniederländischen Madonnen, aber auch in Frauen aus seinem persönlichen Umfeld.

Der Dichter und Maler suchte die perfekte Kombination von Muse und Geliebte. Er fand sie 1850 in der damals 17-jährigen Elizabeth Siddall. Sie war schön, unschuldig, bescheiden, geduldig und liebevoll. Auch äußerlich entsprach sie dem Ideal der Künstlergruppe. Durch ihre rotblonden Haare, ihre schmale und blasse Erscheinung wurde sie zum Prototyp der präraffaelitischen Frau.

Die Beziehung zwischen Rossetti und Siddall erinnert, ganz im Sinne der mythenliebenden Bruderschaft, an eine romantische Tragödie: Die junge Frau hatte für John Everett Millais‘ Ophelia Modell gestanden und sich dafür in eine Badewanne legen müssen. Die ohnehin als kränklich geltende Elizabeth zog sich dabei eine Lungenentzündung zu. Rossetti soll ihr daraufhin verboten haben, ärztliche Hilfe aufzusuchen. Die junge Frau erholte sich nie richtig davon. Der Maler und seine Muse heirateten wenig später, nachdem sie sich schon zehn Jahre kannten und Rossetti zu weiteren Modellen Beziehungen einging. Nach einer Fehlgeburt beendete Elizabeth ihr Leben höchstwahrscheinlich selbst, als sie zum zweiten Mal schwanger war. Sie starb 1862 an einer Überdosis Laudanum.

Sieben Jahre nach ihrem Tod ordnete Rossetti eine Exhumierung der Leiche an, da er bei der Beerdigung einige Gedichte zwischen die Haaren seiner Frau gelegt hatte und diese nun veröffentlichen wollte. Man erzählte sich, dass die Leiche bei der Sargöffnung unverwest gewesen sei und das Haar über den Tod hinaus weitergewachsen sein soll „bis es in all seiner leuchtenden Fülle den Sarg ganz ausfüllte.“ An den Papieren mit den Gedichten konnte jedoch Wurmfraß festgestellt werden. Die Legende beschönigte allenfalls die markabere Exhumierung.

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Elizabeth gemalt nach ihrem Tod als Beatrice

Die Hingabe für die Atmosphäre und Gefühlswelt des Fin de Siècle, und die Leidenschaft für das Morbide, bis zur Nekrophilie gesteigert, fand in der Überhöhung einer Frau zur Ikone des Symbolismus ihren Ausdruck. Elizabeth Siddall wurde so „auf das Podest der präraffaelitischen Frau par excellence und zur Idealfigur der Dekadenz erhoben“.

Sie war passiv, gehorsam, kränklich und hilfebedürftig. Sie implizierte Abhängigkeit und diente als Folie und als Gegenbild für den aktiven und gesunden Mann. Der Mann bleib Herr über die Frau als Geliebte und als Modell.

Dies wird sich ändern. Und darum geht es im nächsten Teil.

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