Kirke. Bezirzt von der Femme fatale.

Mein Exemplar von Franz von Stucks "Tilla Durieux als Circe". original von 1913, Alte Nationalgalerie, Berlin

Mein Exemplar von Franz von Stucks „Tilla Durieux als Circe“. Original von 1913, Alte Nationalgalerie, Berlin

Kirke, Circe, becirct, bezirt. So ungefähr lässt sich mein Blogtitel auf meine Magisterarbeit zurückführen. Die Lust zum Bloggen kam mir während der Schreibphase meiner Magisterarbeit, die den Titel „Kirke. Zum Bildüberlieferung im Symbolismus“ trägt. Das ist mittlerweile über ein Jahr her. Ich denke, der Namensgeberin Kirke und auch meinem Alter Ego hier bei WordPress Tilla Durieux sollten einige Posts gewidmet sein, schließlich hat sie mich über Monate hinweg bezirzt.

Beginnen möchte ich ganz generell mit meinem Fazit. Dies gilt als kleiner Überblick. Nach und nach stelle ich euch dann die einzelnen Damen mal etwas genauer vor.

Die Femme fatale war ein historisch begrenztes Phänomen innerhalb einer Zeit, die von Umbrüchen geprägt war. Die Veränderungen der Lebensumstände durch die neuen Arbeitsbedingungen führten dazu, dass sich auch die Geschlechterrollen änderten. Die Frau beanspruchte mehr Beteiligung in der Gesellschaft und brach so in eine Männerdomäne ein und der Mann fühlte sich in seiner Stellung von der Frau bedroht. Zudem führte die Industrialisierung zu einer Abkehr von der Natur. Sie wurde beherrscht und ausgebeutet, gleichzeitig fühlten die Menschen ein Mangel an Natürlichkeit in ihrem Leben. Der Mann sah in der Frau diese ersehnte Naturnähe, da die Frau durch den Menstruationszyklus und die Schwangerschaft in die Natur eingebunden ist. Einerseits erklärte die Wissenschaft die Frau aufgrund dieser Naturnähe als minderwertig gegenüber dem Mann, andererseits beneidete der dieser sie um ihre Natürlichkeit.

Für den Mann stellte die Frau das zu dominierende Geschlecht dar, trotzdem erkannte er in seiner Triebhaftigkeit seine Abhängigkeit von der Frau als Lustbereiterin, die für ihn zur Gefahr werden konnte. Diese ambivalenten Bilder der Frau führten beim Mann zu Unsicherheiten, die schließlich in zwei entgegengesetzten Frauenbildern gipfelten. Entweder wurde die Frau überhöht und vergöttert, oder als Femme fatale dämonisiert. Die Frauenbilder sind Projektionen männlicher Ängste, gleichzeitig aber auch Stereotypen, die die Diffamierung der Frau rechtfertigten.

Antike Mythen waren besonders zu Umbruchszeiten wie der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein Mittel, um gesellschaftliche Probleme der Gegenwart zu thematisieren, ohne moralische Schranken zu überschreiten. Auch der Symbolismus bediente sich dieser antikischen Verkleidung, vor allem, um Probleme im Geschlechterverhältnis, den sogenannten Geschlechterkampf aufzuzeigen und zu verarbeiten. Die Figur der Kirke war im Symbolismus deshalb ein beliebtes Motiv, da sie genau diese verführerische Frau verkörperte, die den Mann ‚bezirzen‘ will. Sie ist erotisch und zieht den Mann mit ihren Reizen in ihren Bann.

Die Figur der Kirke kann als eine beispielhafte antike Frauenfigur gesehen werden, die als fatale Frau wahrgenommen wurde und deshalb als darstellungswürdig galt. Was die Figur der Kirke zusätzlich attraktiv für die Maler des Symbolismus machte, ist die Tatsache, dass Odysseus, der Held, letztendlich siegreich aus der Begegnung hervorging. Er überwandt den Zauber der Frau und dominierte sie schließlich. Er verwandelte sie in eine gehorsame, liebevolle Frau und konnte somit ihre Gefahr bannen. Die Künstler konnten dadurch ihre Hoffnung ausdrücken, dass sie die Frau schließlich zur gefolgsamen, liebenden Ehefrau bekehren können und so wieder Sicherheit in das Leben kehrt.

In der Bildüberlieferung der Kirke zeigte sich, dass sie zunächst meist in Historienbilder in moralisierender Absicht zusammen mit dem Helden dargestellt wurde. Bei den englischen Präraffaeliten wurde sie vermehrt als Bildthema aufgegriffen, da antike Themen und literarische Stoffe den Großteil der Bildmotive ausmachten. Die Kirke wurde hier in ihrer ganzen verführerischen Macht dargestellt und das Gefährliche und ihre Schönheit wurden betont. Im Symbolismus wurde ebenfalls die erotische Kirke, die den Mann in ihren Bann zieht, thematisiert.

Wie bereits erwähnt, zählt die Kirke zu den stereotypen Frauendarstellungen, die die Ängste der Männer aufzeigen und die Erniedrigung der Frau rechtfertigten. Doch zunehmend entstand in der Kunst eine ironische Distanz zu der klassischen Femme-fatale-Darstellung. Franz von Stuck zeigte bei seiner Kirke, dass er spielerisch mit dem Thema umgeht. Das kesse Lächeln der Frau nimmt dem Bild den strengen Charakter. Auch Rops beherrschte diese ironische Distanz bei seinen Gemälden. Er thematisert die Abhängigkeit des Mannes ohne die pathetische Dramatik, die viele der präraffaelitischen Bilder inne haben.

Zum Schluss kann ein Zitat von Astrid Swift als zusammenfassendes Resümee gelten. Sie beurteilte die Figur der Femme fatale und die Umstände, wie es zu der Manifestation derselben kam, sehr treffend mit diesen Worten:

Die Femme fatale war, […] ein historisch begrenztes Phänomen, Symptom einer an Umstellungsproblemen leidenden Epoche extremer Umbrüche. Daß [sic!] die Dämonisierung der Frau eigentlich ausschließlich von Vertretern des Bildungsbürgertums betrieben wurde, verwundert nicht. Aus dieser Schicht rekrutieren sich nun einmal die meinungsmachenden Künstler und Intellektuellen, und ihre männliche Mitglieder hatten, so mochte es zunächst scheinen, am meisten zu verlieren, wenn die Frau ausbrach aus den alten Rollen. […] Die Femme fatale spielte in der Phantasie ihrer Schöpfer und deren Publikum die „verkehrten“ Schattenrollen der traditionellen Frauenrollen. Ihr „verkehrtes“ neues Repertoire war so reduziert wie das alte. Beide wirken wie Manifestationen der bedürfnisorientierten Mythenbildung einer Gesellschaft, die, allgemein gesprochen, die Frau als Person nie gekannt hatte und sie jetzt nicht kennenlernen wollte.“

(Swift, Astrid: Die „Femme fatale“ im Kontext der Frauenemanzipation. In: Bries, Werner; Jung, Hermann (Hg.): Mnemosyne. Festschrift für Manfred Lirker zum 60. Geburtstag. Baden-Baden 1988. S. 219)

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Veröffentlicht in Kunst

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